Meine acht Lieblings-Podcasts

Von meiner täglichen Dosis Deutschlandfunk am frühen Morgen abgesehen finde ich lineares Radiohören oft unerträglich. Wie schön, dass es Podcasts gibt. Hören, was ich wirklich hören will, ganz ohne „Hits der 80er und 90er & super Gewinnspiele“-Trash. Seit rund zehn Jahren lausche ich intensiv, wobei sich die Genres gewandelt haben. Habe ich anfangs ausschließlich Medien- und Netzthemen-Podcasts verfolgt (andere gab es damals auch gar nicht, oder?), ist mein Hörkonsum mittlerweile vielfältiger. Hier mal meine derzeitigen Favoriten:

Was mit Medien ist für mich persönlich der dienstälteste Podcast, den ich auch schon vor der DRadio Wissen-Zeit gehört habe. Daniel Fiene und Herr Pähler besprechen in etwa 30 bis 45 Minuten alle relevanten Medienthemen der Woche. Die Herangehensweise kommt manchmal naiv rüber, wobei sie immer wieder im Laufe des Beitrags die Kurve zu einer reflektierten Auseinandersetzung finden. Das Highlight ist immer am Jahresende der Medien-Rückblick mit Hajo Schumacher als Gast (als Beispiel die Folge vom 29. Dezember 2016).

Breitband – Medien und digitale Kultur
höre ich auch schon seit mehreren Jahren. Im Vergleich zu Was mit Medien etwas langatmiger und wissenschaftlicher. Daneben gibt es viele weitere gute Medien-Podcasts. Mir reichen aber diese beiden. Weiterlesen

Die durchwachsene 2016-Bilanz

2016 war scheiße. Jedenfalls global oder politisch betrachtet. Kein essenzieller Lichtblick kommt mir spontan in den Sinn, negative Ereignisse umso mehr: AfD bei Landtagswahlen zweistellig, die Rechte ist in ganz Europa auf dem Vormarsch und regiert bereits in Polen und Ungarn, demnächst eventuell auch in Frankreich und den Niederlanden, vielleicht auch in Italien, Trump gewählt, die Türkei entwickelt sich zu einer Diktatur, Putin ist immer noch da. Last but not least endet das Jahr mit einem mutmaßlichen Terroranschlag in Berlin. Fürchterlich, grauenhaft und zugleich Wasser auf den Mühlen von AfD, Pegida und Konsorten. Wichtige Zukunftsthemen wie der Klimawandel oder soziale Gerechtigkeit werden in den Hintergrund gedrängt. Das häufig erwähnte postfaktische Zeitalter und die beginnende Trump-Ära werden wohl in den nächsten Jahren zusätzliche Brandbeschleuniger sein.

Glücklich?
2016 war ganz okay. Jedenfalls persönlich betrachtet. Da will ich gar nicht so sehr ins Detail gehen, aber ich habe das Gefühl, dass ich seit einiger Zeit sehr viele richtige Entscheidungen treffe. Sowohl beruflich als auch privat. Ein Gefühl, das ich so geballt bestimmt seit 20 Jahren nicht mehr hatte. Wahrscheinlich spielt mit rein, dass ich in dem Jahr mal wieder – schon zum vierten Mal (argh!) – genullt habe und bereits seit zwei Jahren so eine Art Lebensbilanz ziehe. Sogar eine sehr ehrliche. Dabei kommt automatisch die Frage auf, was man mit der zweiten Lebenshälfte noch machen will? Alles so weiter plätschern lassen oder nochmal was Neues versuchen. Hier und da ein revolutionärer Neuanfang, woanders nur neue Nuancen. Die Zeichen stehen auf Veränderung und ich fühle mich dabei immer wohler. Weiterlesen

Journalismus: Allheilmittel Crowdfinanzierung?

Romantik, ausdrücklich nicht als Schimpfwort gemeint, ist mir nicht ganz fremd und darum mag ich Crowdfunding. Umso schöner ist der Gedanke einer Crowd-Finanzierung und Beteiligung, wenn ein faires Geschäftsmodell entsteht und dadurch der gute Zweck ermöglicht oder etwas Institutionelles wie der Online-Journalismus am Leben erhalten wird. Der Hype um Crowdfunding hat jetzt schon einige Jahre auf den Buckel und mag für Internet-Verhältnisse (die Uhr tickt hier ja etwas schneller) schon gar keiner mehr sein. In Wirklichkeit ist er aber noch so jung, dass zumindest für den Journalismus noch nicht der Beweis einer langfristigen Strategie angetreten wurde. Eine, die auch ein paar Jahre hält. Kein Zweifel, das einzelne Event, hier mal eine Film- sogar Kinoproduktion (u.a. auch via Crowdinvesting), dort mal eine Auslandsreportage, konnte auf diese Weise prima finanziert werden, als Bonus war stets die Portion Aufmerksamkeit inklusive. So weit, so gewöhnlich. Einmal das Portemonnaie für den guten Zweck zu öffnen, tut auch nur einmal ganz kurz weh. Ob man aber auch Langzeit-Förderer werden möchte, überlegt man sich dann schon etwas gründlicher, zumal die Konkurrenz an förderwürdigen Medien-Projekten groß ist.

Krautreporter: Bezahlt die Crowd auch das zweite Jahr?

Dass die Krautreporter über Crowdfunding für ein ganzes Jahr eine Vorabfinanzierung erreichen konnten, ist ein echter Meilenstein, aber kein Beweis einer langfristigen Finanzierung. Hier ging es nur um eine Einmalfinanzierung – ohne weitere Verbindlichkeit. Nach der Anfangseuphorie durch die auf der Zielgeraden zustande gekommene Finanzierung setzt allmählich die Katerstimmung ein. „Der Online-Journalismus ist kaputt. Wir kriegen das wieder hin.“ So lautete der markige Slogan, mit dem im Sommer 2014 für das Projekt geworben wurde. Eine Mischung aus Augenzwinkern und Marketing, die man eben braucht, um Medienaufmerksamkeit zu generieren, gleichzeitig aber auch eine hohe Messlatte. Es scheint so, als ob die Krautreporter aus der Sicht einiger Mitglieder da nicht ran kommen. Fehlende Qualität und Quantität werden kritisiert. Tatsächlich ist von außen betrachtet die ganz große Innovation – abgesehen von der Crowdbeteiligung – kaum zu erkennen. Im Moment ist es etwas fraglich, ob die Crowd ab Herbst auch in ein zweites Krautreporter-Jahr einsteigt.

„Der Sender“ will sich über Crowdfunding und Genossenschaftsanteile finanzieren

Nicht als selbsternannter Journalismusretter und somit wesentlich unaufgeregter tritt seit gestern Der Sender in Erscheinung. Hinter dieser Idee vermute ich nicht nur reichlich Substanz, weil mit Philip Banse einer meiner Lieblingspodcaster (Küchen-/Medienradio) als Mitinitiator dahinter steht. Spätestens seit meiner ehemaligen Mitarbeit bei einer Energiegenossenschaft, die die lokalen Energienetze betreiben wollte, bin ich Fan von Genossenschaften. Eine Genossenschaft ist komplizierter als Crowdfunding, jedoch auch formal demokratischer mit stärkerer Bindung und Mitbestimmung der Mitglieder. Der Sender will nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne um Genossenschaftsmitglieder werben. Per Crowdfunding sollen Infrastruktur und ein Jahr Sendebetrieb finanziert werden. Wie dann die Mittel verwendet werden, die über Genossenschaftsanteile generiert werden sollen, wird sicherlich demnächst erklärt. Für noch wichtiger halte ich ein Konzept für eine langfristige Finanzierung.

Exakt bei der Langfristigkeit erkenne ich bei all diesen Projekten kein vollendetes Konzept. Beim „Sender“, der gerade mal vor ein paar Stunden angekündigt wurde, mag es sich noch entwickeln. Hoffentlich. Crowdfunding-Erlöse und Genossenschaftsanteile sind wunderbare Mittel für eine Anschubfinanzierung. Ich glaube aber nicht, dass man einfach nur damit auch eine dauerhafte Finanzierung auf die Beine stellen kann, wenn es nicht permanent eine stets vor dem Absaufen befindliche Charity-Veranstaltung sein soll. Ohne langfristige Finanzierungsmodelle sind es oft nur Projekte auf Zeit, die irgendwann ganz eingestampft oder auf ein Minimum geschrumpft weiter betrieben werden.
Freiwilliges Bezahlen, also de facto Spenden, worauf reine Crowdfunding-Modelle fußen, setzt Begeisterung beim Publikum, sowohl beim reinen Konsumenten als auch bei den Prosumenten, voraus. Die aufrecht zu erhalten ist auch bei hoher Qualität nicht einfach.

Täglich Mettmann: Hyperlokales Blog mit Bezahlschranke

Ist also die einzige Alternative ein Zwangsbeitrag? Ein interessantes Modell, das auch wirtschaftlich funktionieren könnte, findet man nicht in einer der bekannten Medienhochburgen, sondern in der tiefen Provinz. Mit Täglich Mettmann ging vor einigen Wochen ein hyperlokales Blog mit scharfer Bezahlschranke online. Bis jetzt nicht ohne Erfolg, wie die Macher kürzlich beim Was mit Medien-Podcast (direkter MP3-Link) berichteten. Bei dieser Schranke finde ich die geringe Hürde, die bei einem Euro beginnt, hoch akzeptabel. Ich kann die inhaltliche Qualität von Täglich Mettmann nicht beurteilen, gehe aber davon aus, dass sie höher ist als bei manchen lokalen Gratis-Medien, die sich im Wesentlichen darauf beschränken, Pressemitteilungen weitgehend unredigiert zu übernehmen.

Meine Meinung habe ich grundsätzlich nicht geändert, Bezahlschranken finde ich suboptimal. Gleichzeitig kommt mir aber zunehmend der Glaube an kontinuierlicher Journalismus-Finanzierung im Netz jenseits der Schranken abhanden. Schlau fände ich, mehrere Finanzierungsmodelle gleichzeitig zu testen. Für guten Journalismus sollte man nicht nur um einen Beitrag höflich bitten, man sollte ihn verlangen. Möglichst sozial ausgewogen.

Die Paywall rückt näher, die Chance für alternativen Journalismus auch?

Die Zukunft und damit die Finanzierung des Journalismus ist nahezu weltweit ein Dauerbrenner-Thema und das Zeitungssterben findet vielerorts schon statt. Manche Regionen in Deutschland verfügen schon heute über keinen Lokaljournalismus mehr. Vergleichsweise sind wir da in Oldenburg noch in einer komfortablen Situation. Wir Konsumenten haben uns in den letzten Jahrzehnten ebenso komfortabel mit unserem Jammern über die mangelnde Vielfalt eingerichtet. (Vorspulen zu den Chancen)

Wenn Marketingsprech bemüht wird, geht es fast immer um die Kohle. „NWZonline geht den nächsten Schritt“ lautet die smarte Headline, hinter der sich die simple Botschaft verbirgt, dass die NWZ demnächst eine Paywall einführt. In Kurzform: Wer online künftig mehr als zehn Artikel im Monat lesen möchte, muss bezahlen. Es mutet etwas seltsam an, dass auch Abonnenten der Printausgabe, für die das Online-Angebot in der jetzigen Form inhaltlich so gut wie keinen Mehrwert darstellt, nochmal extra zur Kasse gebeten werden sollen.

Ist die Paywall alternativlos und sinnvoll?

Mal an dieser Stelle die alte Diskussion um die inhaltliche Qualität ausgeklammert: Dass sich auch ein regionales Medienunternehmen, dem es wirtschaftlich noch recht gut geht, über Bezahloptionen für Online-Inhalte Gedanken macht, ist nachvollziehbar und existenziell notwendig. So wie wir es heute kennen, wird das Geschäftsmodell „gedruckte Tageszeitung“ auf Dauer nicht überleben, auch nicht im Nordwesten. Paywalls sehe ich aber prinzipiell skeptisch. Die Errichtung eines Schutzwalls um etwas herum ist ein Mittel aus dem analogen Leben und bedeutet Abgrenzung: Wenn ich nicht will, dass jeder Hinz und Kunz mein Grundstück betritt oder sehen kann, lass ich die Hecke hoch wachsen. Ein Medienhaus sollte aber genau das entgegengesetzte Ziel verfolgen. Selbst wenn man mangels weiterer Ideen die Paywall für alternativlos hält, kann es nicht zukunftsweisend sein, wenn sich jedes Blatt im deutschsprachigen Netzraum sein eigenes System bastelt. Zweifelsohne darf Journalismus und die dahinter stehende Infrastruktur nicht kostenlos sein. Ihn quasi wegzusperren kann aber im 21. Jahrhundert auch nicht mehr die Lösung sein. Auch nicht wirtschaftlich, denn es wird immer Alternativen geben, die einen freien Zugang zu Informationen anbieten und dabei auf kreativem Wege Einnahmequellen generieren. Vielleicht auch in Oldenburg?

OldenburgCrowd? NWZ-Paywall eine echte Chance für Alternativen

Es ist ja nicht so, dass es keine journalistischen Alternativen gibt. Viele konnten aber nur kurz überleben, egal ob sie analog „Posaune“ und „Oldenburger Allgemeine“ oder digital „Oldenburger Lokalteil“ hießen. Tapfer über Wasser hält sich nach wie vor die Oldenburger Onlinezeitung und den Diabolo als wöchentliches Blättchen (online katastrophal – sorry!) gibt es auch noch.

Über seinen Abschied vom Oldenburger Lokalteil vor gut einem Jahr (womit sich zugleich auch das ganze Magazin verabschiedete) schrieb damals Maik Nolte in seinem Blog:

„Auf der Ebene allerdings, auf der der Lokalteil bislang agierte, von der er auch nie herunterkam und die zuletzt auch noch arg aus der Balance geraten war, ist das nicht zu bewerkstelligen. Was mich betrifft, hat die mit der Herausgabe dieses Magazins betriebene Selbstausbeutung schon vor geraumer Zeit jedes vertretbare Maß weit hinter sich gelassen.“

Mit der „Selbstausbeutung“ liefert Maik aus meiner Sicht das wichtige Stichwort, denn viele journalistische Alternativen zu den jeweiligen Platzhirschen basieren genau darauf. Das ist auch kein Oldenburg-spezifisches Phänomen, wobei man auch überspitzt betrachtet Selbstausbeutung direkt Ausbeutung nennen könnte. Zu oft konsumieren viele Leser der kleinen journalistischen Plattformen einfach nur gratis (ggf. auch noch mit scharf geschaltetem Adblocker) während sie sich zu selten Gedanken über die wirtschaftlichen Bedingungen eben dieser Plattformen machen. Auf der anderen Seite ist es ein Fehler, wenn es klamme Online-Magazine versäumen, sich mit einem klaren Geschäftsmodell an die Leser zu wenden, um konkrete Beteiligung, die über einen Münzeinwurf in die Kaffeekasse hinausgehen, einzufordern. Wie das funktionieren kann, demonstriert seit einiger Zeit im Süden der Republik das Heddesheimblog mit dem „Soli-Abo“.

Ihr lieben Nörglerinnen und Nörgler, Engagierte, politischen Köpfe, Medieninteressierte, konstruktive Medien-Kritikerinnen und Kritiker in Oldenburg, die Zeit ist reif, das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen, um so etwas wie Krautreporter auf lokaler Ebene aufzubauen. Nicht mit altem Konkurrenzdenken, indem jeder sein eigenes Süppchen kocht, jedoch kein einzelnes dieser vielen Süppchen lange warm bleiben kann. Nur die große gemeinsame Suppe mit kräftiger Beilage kann jenseits von Ausbeutung und Selbstausbeutung langfristig als mediale Alternative in Oldenburg bestehen. Funktionieren kann es mit einer Mischung aus Crowdfunding und redaktionellem Crowdsourcing (das Stichwort Prosument würde hier auch passen). Um es auf den wirtschaftlichen Teil zu begrenzen: Der bescheidene Anfang wäre gemacht, wenn gerade mal jeder 160. Oldenburger im Monat fünf Euro für ein Abo in eine neue Plattform investieren würde. Ihr lieben Skeptikerinnen und Skeptiker: Es hätte auch einen gewissen Wert, den Beweis anzutreten, dass das in Oldenburg nicht geht. Oder anders: Ich wette jetzt mal, dass das nicht geht. Wer hält dagegen?