Möchte mich nicht schämen

In zwei Wochen ist Bundestagswahl. War es jemals desillusionierender? Die SPD führt einen „Null Bock“-Wahlkampf und hofft, wenigstens die 20 Prozent-Marke zu halten. Zum ersten Mal nach dem Krieg wird eine rechtsradikale Partei den Sprung in den Bundestag schaffen und wenn es knüppeldick kommt, sogar stärkste Oppositionskraft werden. Es ist egal, wie gewählt wird: Merkel bleibt.
Zum ersten Mal überhaupt schaffe ich es aus Motivationsgründen nicht, das Kanzlerduell durchzuhalten und man möchte mit der ganzen Sache eigentlich nichts zu tun haben. Wäre da nicht das Gewissen, das mir sagt, dass Du wenigstens aus einem Grund wählen musst. Denn jede Stimme für eine demokratische Partei senkt den AfD-Anteil im Parlament. Logisch! Emotional ist das für mich im Augenblick der einzige, aber zugleich auch sehr wichtige Grund, meine zwei Kreuze zu machen. Ich möchte mich am 24. September und in den nächsten vier Jahren einfach nicht für dieses Land schämen.

Visionen statt Angst

Donald Trump liefert Steilvorlagen am Fließband. Man könnte gerade so schön über den durchgeknallten Faschisten, der jederzeit einen Atomkrieg auslösen könnte, referieren. Drüben wird gepoltert, hier wird zurückgepoltert. Bäng! Zeigen, dass man Eier hat.
Die andere Möglichkeit: Zeigen, dass man Herz und Verstand hat. Ist viel anstrengender, bringt wenig Applaus, ist aber bitter nötig.

Die Antwort des Landes muss sein: „Noch mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit!“

Das sagte der damalige norwegische Ministerpräsident Stoltenberg, kurz nachdem ein irrer Rechtsextremist 2011 ein sozialdemokratisches Feriencamp auf einer Insel überfiel und 77 Kinder und Jugendliche erschoss. Das ist eine der stärksten Aussagen eines Politikers, an die ich mich erinnern kann.

Ich frage mich, wo es aktuell hierzulande einen Stoltenberg gibt, der nicht nur besonnen, sondern vor allem konstruktiv und visionär reagiert? Wir haben einen polternden Sigmar Gabriel, eine schweigende Angela Merkel und einen den moralischen Zeigefinger hebenden Joachim Gauck, um nur unsere gegenwärtigen Repräsentanten zu benennen. Mehr ist da nicht. Kein Plan, keine Vision, dafür eine gewaltige Portion Angst. Angst vor Trump, Angst, das vermeintlich Falsche (oder eher: das Richtige) zu sagen und somit Angst vor der AfD.

Angstfrei macht es der kanadische Premierminister mit einer glänzenden Reaktion auf Trumps rassistische Einreiseverbote:

Genau die Reaktion, die ich mir auch hierzulande wünschen würde. Wenn schon die administrativ tätige Politik im Wahljahr nicht den Mut aufbringt, wäre das jetzt immerhin die Stunde der repräsentativen Politik. Hallo Schloss Bellevue!

Meine acht Lieblings-Podcasts

Von meiner täglichen Dosis Deutschlandfunk am frühen Morgen abgesehen finde ich lineares Radiohören oft unerträglich. Wie schön, dass es Podcasts gibt. Hören, was ich wirklich hören will, ganz ohne „Hits der 80er und 90er & super Gewinnspiele“-Trash. Seit rund zehn Jahren lausche ich intensiv, wobei sich die Genres gewandelt haben. Habe ich anfangs ausschließlich Medien- und Netzthemen-Podcasts verfolgt (andere gab es damals auch gar nicht, oder?), ist mein Hörkonsum mittlerweile vielfältiger. Hier mal meine derzeitigen Favoriten:

Was mit Medien ist für mich persönlich der dienstälteste Podcast, den ich auch schon vor der DRadio Wissen-Zeit gehört habe. Daniel Fiene und Herr Pähler besprechen in etwa 30 bis 45 Minuten alle relevanten Medienthemen der Woche. Die Herangehensweise kommt manchmal naiv rüber, wobei sie immer wieder im Laufe des Beitrags die Kurve zu einer reflektierten Auseinandersetzung finden. Das Highlight ist immer am Jahresende der Medien-Rückblick mit Hajo Schumacher als Gast (als Beispiel die Folge vom 29. Dezember 2016).

Breitband – Medien und digitale Kultur
höre ich auch schon seit mehreren Jahren. Im Vergleich zu Was mit Medien etwas langatmiger und wissenschaftlicher. Daneben gibt es viele weitere gute Medien-Podcasts. Mir reichen aber diese beiden. Weiterlesen

Die durchwachsene 2016-Bilanz

2016 war scheiße. Jedenfalls global oder politisch betrachtet. Kein essenzieller Lichtblick kommt mir spontan in den Sinn, negative Ereignisse umso mehr: AfD bei Landtagswahlen zweistellig, die Rechte ist in ganz Europa auf dem Vormarsch und regiert bereits in Polen und Ungarn, demnächst eventuell auch in Frankreich und den Niederlanden, vielleicht auch in Italien, Trump gewählt, die Türkei entwickelt sich zu einer Diktatur, Putin ist immer noch da. Last but not least endet das Jahr mit einem mutmaßlichen Terroranschlag in Berlin. Fürchterlich, grauenhaft und zugleich Wasser auf den Mühlen von AfD, Pegida und Konsorten. Wichtige Zukunftsthemen wie der Klimawandel oder soziale Gerechtigkeit werden in den Hintergrund gedrängt. Das häufig erwähnte postfaktische Zeitalter und die beginnende Trump-Ära werden wohl in den nächsten Jahren zusätzliche Brandbeschleuniger sein.

Glücklich?
2016 war ganz okay. Jedenfalls persönlich betrachtet. Da will ich gar nicht so sehr ins Detail gehen, aber ich habe das Gefühl, dass ich seit einiger Zeit sehr viele richtige Entscheidungen treffe. Sowohl beruflich als auch privat. Ein Gefühl, das ich so geballt bestimmt seit 20 Jahren nicht mehr hatte. Wahrscheinlich spielt mit rein, dass ich in dem Jahr mal wieder – schon zum vierten Mal (argh!) – genullt habe und bereits seit zwei Jahren so eine Art Lebensbilanz ziehe. Sogar eine sehr ehrliche. Dabei kommt automatisch die Frage auf, was man mit der zweiten Lebenshälfte noch machen will? Alles so weiter plätschern lassen oder nochmal was Neues versuchen. Hier und da ein revolutionärer Neuanfang, woanders nur neue Nuancen. Die Zeichen stehen auf Veränderung und ich fühle mich dabei immer wohler. Weiterlesen